Potsdamer Wiederaufbauprojekte

Es gibt so viele Wiederaufbauprojekte in Potsdam, daß meine Gäste mitunter schüchtern fragen, woher denn das viele Geld für all das kommen soll. Das ist eine verständliche Frage, aber es kommt mir mitunter seltsam vor, das es oft die erste Frage ist. Seltener wird gefragt: Warum, warum will man z.B. den Stadtkanal wiederherstellen? Oft ist eine Warum-Frage auch nur rhetorisch gemeint, sie fragt nicht, sondern zweifelt das Projekt grundsätzlich an.

Interessanter schiene es mir zu fragen, warum Menschen etwas wiederaufbauen wollen, etwas ganz Bestimmtes, was sie damit verbinden und warum sie dafür in erster Linie so viel Zeit investieren. Zeit, ja. Ich glaube, die entscheidende Währung für Projekte dieser Art ist Zeit, Geld ist dann eine Art Nebeneffekt. Aber hier geht es um Millionen, die kann man doch nicht als Nebeneffekt bezeichnen! Ach, nicht?

Und damit Sie entscheiden können, welchem Wiederaufbauprojekt in Potsdam Sie Ihre Zeit widmen wollen, gibt es jetzt hier einmal eine Liste (ohne Anspruch auf Vollständigkeit!):

Das Stadtschloß und die Garnisonkirche:
Die beiden Potsdamer Sumo-Ringer im Kampf um Zeit und Aufmerksamkeit. Die Kosten für den Parlamentsneubau auf dem Stadtschloßgrundriß wird der Brandenburger Landtag aufbringen, für die historische Fassade sind Spenden erwünscht. Die Garnisonkirche braucht alles, was sie bekommen kann – vor allem ein interessantes inhaltliches Konzept, das die politisch ineinander verkrallten Befürworter und Gegner des Projektes löst und einen neuen Weg zeigt. Es wäre ein Wunder!

Der Stadtkanal:
Der hat aber doch so gestunken, wird immer gemäkelt. Aber was kann der Kanal dafür, daß über viele Jahrzehnte, fast Jahrhunderte die Häuser an seinen Ufern ihre Abwässer ungeklärt in den Kanal ableiteten? Das nächste Teilstück, das wiederhergestellt wird, entsteht am ehemaligen Beginn des Kanals, dort, wo es heute noch einen Rest Potsdamer Stadtmauer gibt. Argumente für dieses Projekt finden sich übrigens bei Georg Hermanns Spaziergang in Potsdam.

Die Alte Neuendorfer Kirche:
Die Babelsberger, die ja bis heute großen Wert darauf legen, Babelsberger und keine Potsdamer zu sein, machen vor, wie etwas – und glücklich – gelingen kann. Und sogar für eine schöne Beleuchtung des Nachts haben sie schon gesorgt…

Der Winzerberg:
Das jüngste in die Öffentlichkeit getretene Kind engagierter Potsdamer. Märkischer Wein geht durch die Kehle wie eine Säge, hieß es zu der Zeit, als es in und um Potsdam angeblich mehr als tausend Weinlagen gab. Der Wein war wohl nur gewürzt und heiß trinkbar. Aber das muß einen ja nicht davon abhalten, dem Winzerberg ganz in der Nähe von Schloß Sanssouci seine, na, ja: Zeit zu schenken.

Das Jagdschloß Stern:
Unter einem Schloß stellt man sich tatsächlich etwas anderes vor, nicht gar so etwas – bescheidenes. Aber dem Soldatenkönig hat es gereicht, wenn er nach der Jagd in der Parforceheide mit einem kleinen Kreis von Leuten noch einen Abendtrunk nehmen wollte… Das Schloß lag damals und liegt heute ganz am Rand des Stadtgebietes, aber ganz nah an einem der größten Potsdamer Plattenbaugebiete aus DDR-Zeiten, dem Stern, benannt nach dem in Sternform angelegten Wegenetz des Jagdgebietes, in dessen Zentrum eben das Schloß steht.

Der Wildpark:
Lennés vergessenen Garten, nennt ihn der Verein, der sich zur Aufgabe gestellt hat, den Wildpark zu erhalten und denkmalgerecht zu restaurieren.

Die Matrosenstation Kongsnaes:
Mit der kaiserlichen Matrosenstation Kongsnaes, die 1945 abgebrannt ist, ein Stück Norwegen in Potsdam wiederaufzubauen, hat sich dieser Verein vorgenommen. Das Projekt hat schon große Fortschritte gemacht.

Die Muschelgrotte im Neuen Garten:
1791 von Friedrich Wilhelm II. in Auftrag gegeben, hieß es schon 1863: “Von allen Partien der Königlichen Gärten in Potsdam ist wohl diese Grotte am wenigsten bekannt und besucht.” Der Förderkreis Muschelgrotte e.V. ändert das gerade…

Und das in Potsdam größte und wunderbar gelungene Beispiel dafür, was hartnäckiger Bürgersinn erreichen kann, ist natürlich das fertiggestellte Belvedere auf dem Pfingstberg – die italienische Krone der Stadt.

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