preußischblau

Das Potsdamer Weblog preußischblau: Aktuelles aus Potsdam und Notizen einer Stadtführerin.


 

11. März 2010

Der Winter. Oder: Wie man Wissenschaftler zum Schlottern bringt

Ich möchte bitte, daß der Winter jetzt aufhört. Sofort. Ich fürchte nämlich, daß ich mittlerweile als Stadtführerin gelte, die ihre Gäste foltert. Dabei kann ich nichts für das Wetter. Und ich kann auch nichts dafür, daß - ja, Sie ahnen schon, was jetzt wieder kommt - die Leute sich nicht ordentlich anziehen. Internationale Wissenschaftler sind leider besonders anfällig für diese Zivilisationskrankheit: Nicht mehr zu wissen, was adäquate Kleidung bedeutet.

Und ich sage heute noch, gleich am Anfang, als ich sie im Hotel abhole: Sind Sie warm genug angezogen? Wollen Sie sich nicht noch einen Pullover mehr holen? Oder eine Mütze? Sie da, haben Sie denn keinen Schal? Och. Nein, das geht schon. Nein nein, nicht so schlimm. Mütze - nein, ich brauche keine Mütze.

Ich weiß schon, wie das dann geht. Ich frage noch genau einmal nach, fühle mich plötzlich wie die Mutter des ungefähr sechzigjährigen japanischen Geologen, der direkt vor mir steht, und beschließe an diesem Punkt abrupt, meinen Gästen ihren Willen zu lassen. Das sind erwachsene Leute, sie wissen, was sie tun, das sind kluge Leute, das sind Wissenschaftler...

Eine halbe Stunde später geht das große Frieren los. Ich kann es in ihren Augen sehen, obwohl sie das Zittern noch unterdrücken. Außerdem lauschen sie tatsächlich aufmerksam - über mangelnde Disziplin und Willen kann man sich bei Wissenschaftlern wirklich nicht beklagen. Nach anderthalb Stunden hat der Winter gesiegt und meine Gäste schlottern. Sie gucken mich immer noch aufmerksam an, aber ich habe den deutlichen Eindruck, daß es ihnen an diesem Punkt mehr um meine warme Kaninchenfellmütze mit den Ohrenklappen geht. Oder um meinen langen Mantel. Die dicken Handschuhe. Den Schal, in den ich mich heute fast eingenäht habe...

Der Wirt des Restaurants, in das ich sie jetzt im Galopp begleite, muß doch denken, ich bin die Stadtführerin, die ihre Gäste foltert! Ich will Frühling!

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12. Februar 2010

Aufwärmen? Warum?

Wenn es um winterliche Verhältnisse geht, sind Schweden hart in Nehmen. Nordschweden allerdings sind die Härtesten: Sie finden minus fünf Grad und dreißig Zentimeter Schnee eher kuschelig.

Also laufen wir ohne Beschwerden von der Kolonie Alexandrowka, die so tief eingeschneit nun wirklich wie ein russisches Klischee aussieht, über den Kapellenberg (Berg? Das soll ein Berg sein?) weiter über den Pfingstberg (Also, mal ehrlich: Wieso nennen Sie denn sowas Berg?), durch die Verbotene Stadt und den Neuen Garten zum Cecilienhof. Dort drin wäre es bestimmt schön warm. Ähm, ja, wieso? Na - all die Schornsteine!

Ich liefere meine Gäste in der Meierei am Jungfernsee ab. Ich denke, jetzt könnten Sie ja vielleicht doch einen Platz zum Aufwärmen brauchen? Ach, kann man hier jetzt gar nicht draußen sitzen?

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26. Januar 2010

Kaltes Neues Jahr!

Mit diesem Bild, daß ich heute vom Heiligen See mit dem Marmorpalais gemacht habe, möchte ich einen ehemaligen Gast von mir grüßen und auch auf diesem Weg noch einmal herzlich zum Geburtstag gratulieren.

Vor genau drei Jahren hatte ich ihn und seine Frau an der Glienicker Brücke getroffen. Die Stadtführung war sein Geburtstagsgeschenk. Es war genauso kalt und sonnig wie heute. Wir spazierten von der Brücke bis zum Cecilienhof, und weil die Meierei am Jungfernsee geschlossen war, stapften wir noch weiter bis zum Restaurant am Pfingstberg, wo wir noch einen Kaffee tranken.

Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen wunderbaren Januartag - nach dem Kaffee ließ ich die beiden im Restaurant zurück und wanderte über den Pfingstberg und durch den Neuen Garten zurück nach Hause. Das war nicht der kürzeste, aber der beste Weg.

Wir hatten zwei besonders schöne Stunden zusammen: Der hochgewachsene Herr, dem wegen der Kälte immer die Tränen über das Gesicht liefen, und seine dick eingemummelte Frau waren so neugierig auf Potsdam und seine Geschichte, wie man nur sein kann, wenn man seit einem halben Jahr in dieser oft so unterschätzten Stadt lebt.

Es hat dann noch eine weitere Stadtführung gegeben, im Sommer des Jahres 2007; dieses Mal war die hochnoble Mama (Preußenkennerin!) meiner Kundin dabei. Als wir uns, nach einem langen Spaziergang durch den Park Sanssouci auf dem Luisenplatz trennten, wurde ich etwas überrumpelt mit einer Sympathiebekundung, die dann doch etwas - na, sagen wir mal - ungewöhnlich war. Auch für zufriedene Gäste...

Warum ich dies alles erzähle? Potsdam - auch, wenn es sibirisch eisig ist - hat die Kraft, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst schwerlich getroffen hätten. Das ist der unschätzbare Vorteil einer Stadt, die im Laufe des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts große Teile ihrer Bevölkerung verloren, aber neue dazugewonnen hat.

Aus meinen Gäste vom 26. Januar 2007 sind sehr gute persönliche Freunde geworden. Dies ist ein Geschenk, und es ist selten. Doch aus meinen Gästen Freunde der Stadt Potsdam zu machen, das ist immer mein Bemühen. In diesem Sinne: Ihnen allen willkommen in Potsdam im Jahr 2010!

Und herzliche Glückwünsche, alles Gute, Kraft und Gesundheit für Dich, Andreas!

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14. Oktober 2009

Stadtführung mit Folgen

Herzlichen Glückwunsch! Sagen Sie, mögen Sie Wein? Rot- oder Weißwein? Das war die Reaktion meiner Gäste an einem Septembertag, als ich ihnen sagte, daß ich Geburtstag hätte. Wir schicken Ihnen ein schönes Fläschchen, ja? Unseren guten Spätburgunder!

Und siehe da: Heute kommt ein Paket! Aus einem sind gleich zwei schöne Fläschchen Spätburgunder geworden, anbei ein handgeschriebener Gruß, wie frau ihn heutzutage nur noch von Männern im besten Alter erwarten darf. Das wäre ja nicht nötig gewesen; aber es ist doch ganz wunderbar - vielen herzlichen Dank nach Esslingen!

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17. September 2009

Ein Gespräch an der Glienicker Brücke über die abwesenden Herren Kulka und Knobelsdorff

Peter Kulka baut den neuen Landtag für Brandenburg in Potsdam, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff ist lange tot und ich stehe an der Glienicker Brücke und warte auf meine Gäste aus Leipzig. Was die beiden Architekten damit zu tun haben? Naja, meine Gäste verspäten sich und ich habe Zeit und beginne mich ein bißchen zu langweilen und just in diesem Moment kommt ein Potsdamer Architekt aus meiner Nachbarschaft herangeradelt.

Er hält an und ist bereit, sich mit mir die Zeit zu vertreiben; ich nutze die Gelegenheit, ihn über sein Urteil über den Landtagsneubau zu befragen. Besser gesagt bitte ich ihn, mir zu erklären, was sein Kollege Kulka sich wohl dabei gedacht hat. Mein Problem mit dessen Entwurf ist nämlich, daß ich ihn nicht verstehe. Das ist ja keine Schande, schließlich habe ich nicht Architektur studiert und fühle mich nicht berufen, alles zu verstehen oder zu allem eine Meinung zu haben.

Aber erklären müßte ich es schon können, all meinen Gästen nämlich, mit denen ich in Zukunft die größte Baustelle der Stadt in Augenschein nehmen werde. Und darum quetsche ich jetzt den radelnden Architekten aus. Der freundliche Mann ist um Rat und Aufklärung nicht verlegen, nennt mir Beispiele für neue Bauten, die ebenfalls eine Mischung aus historischer und moderner Architektur sind und sagt dabei ganz oft: Ja, warum denn nicht?! Warum soll das nicht gehen?

In den fünfzehn Minuten, die wir haben, bevor der Bus aus Leipzig neben uns hält, verstehe ich erstaunlich viel und erstaunlich leicht, bin sehr dankbar für die nette Belehrung und optimistisch, die gewonnenen Erkenntnisse einsetzen zu können. Ich sage danke und wünsche einen schönen Tag, der Architekt sagt: Viel Spaß! Und meine Gäste winken aus dem Bus.

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10. August 2009

Ich treffe das erste Mal einen Europäer!

Das sagte einer von den ungefähr 400 Österreichern und Österreicherinnen, die ich in diesem Sommer per Stadtrundfahrt mit jeweils zwei Ausstiegen durch Potsdam geführt habe. Naja, eigentlich bin ich ja eine Europäerin, aber wenn es um so wichtige Dinge geht, bin ich nicht empfindlich...

Wir sprachen miteinander am Schloß Sanssouci: Über Friedrich den Großen, über die Kriegsschäden des 2. Weltkrieges, über den Kalten Krieg, die Wiedervereinigung Deutschlands, meine und die Erfahrungen meiner Gäste. Locker im Ton, mitunter sogar recht frotzelnd und frech in beide Richtungen, dabei immer sehr interessiert und ernsthaft bei der Sache.

Wissen Sie eigentlich, warum wir heute so offen miteinander umgehen können? Das hatte ich in die große Runde gefragt. Weshalb wir über so umstrittene geschichtliche Ereignisse so locker und freundlich reden können?

Da gucken sie alle erwartungsvoll, diese wunderbaren, aufmerksamen und exzentrischen Nachbarn: Weil wir in einem vereinten Europa leben und dies seit Jahrzehnten üben. Sag ich. Schweigen, ich würde sagen: verblüfftes. Und dann sagt ein Mann, der bisher gar nichts gesagt hat: Ich treffe das erste Mal einen Europäer! Na, das wird doch Zeit, oder?

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23. Mai 2009

Führen und Singen

Wenn man einen Chor auseinanderreißt, kann er nicht mehr singen. Diesen vielstimmigen Chor aus Oberbayern mußte ich aber auseinanderreißen, besser gesagt teilen, weil meine Stimme zwar recht groß ist, ich meine Gäste aber trotzdem nicht so gerne anschreie...

Also führten meine Kollegin und ich den Chor in zwei Gruppen durch die Potsdamer Innenstadt und zum Schluß an der katholischen Kirche St. Peter und Paul wieder zusammen. Und da der Chor auf Marienlieder spezialisiert ist und die Kirche offen war, kamen wir und andere Besucher der Kirche am Ende der Stadtführung dann noch in den Hörgenuß einer Kostprobe aus dem Repertoire.

Ein Lied meiner Gäste am Ende einer Stadtführung - daran könnte ich mich gewöhnen!

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15. Mai 2009

"Ja, ich bin Stadtführerin!"

Gestern war es wieder einmal soweit: Ich stehe vor dem Bahnhof und warte auf meine Gruppe. Einige Schritte entfernt sehe ich zwei Männer in Anzügen und mit Aktentaschen, der eine hat einen Zettel in der Hand und schaut sich suchend um. Er spricht einen jungen Mann an, der kurz darauf bedauernd den Kopf schüttelt. Der Mann mit dem Zettel guckt wieder um sich, dreht sich dann um die eigene Achse, sucht. Ich warte darauf, daß sein Blick mich trifft und lächle schon einmal vorsorglich.

Nein nein, keine Sorge, das ist hier keine Flirtschule! Aber es geht um den richtigen Moment: Sein Blick trifft meinen, er lächelt ebenfalls und setzt sich in Bewegung auf mich zu. Ich sage: "Kann ich Ihnen helfen?" Jetzt ist er bei mir. "Ja," sagt er, "wenn Sie sich hier auskennen?!" Das ist er, der Moment, den ich liebe, ich antworte: "Ja, ich kenne mich hier aus, ich bin Stadtführerin."

Jetzt strahlt er, er ist ganz begeistert, dreht sich zu seinem Kollegen um und ruft: "Uli, komm mal her, stell Dir vor, ich habe eine Stadtführerin gefunden!" Uli kommt und guckt noch ganz ungläubig: "Was für ein Zufall..." Der Rest ist rasch erzählt, die richtige Straßenbahn zum Kongreßhotel schnell gefunden und gezeigt. Die Herren danken, ich wünsche noch einen angenehmen Aufenthalt.

Keine große Sache, oder? Oder doch?

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12. März 2009

Magdeburger Charme

"Guten Tag Herr Dr. Trümper, Sie wollte ich gern persönlich begrüßen!"
"Ach, und warum?"

Ich bin mit den Oberbürgermeistern der ostdeutschen Städte in der Schiffbauergasse unterwegs, sie sind zu einer Arbeitstagung in der Stadt. Eine sehr nette Gruppe, alle verstehen sich offenbar sehr gut, die Stimmung ist gelöst, obwohl es wie aus Eimern schüttet. Den OB von Magdeburg wollte ich unbedingt persönlich begrüßen: "Weil ich gebürtige Magdeburgerin bin!", sage ich. Er erwidert wie aus der Pistole geschossen: "Ach was! Das muß ja sehr lange her sein, man hört es Ihnen gar nicht mehr an!"

Die umstehenden Städte brechen in Gelächter aus, ich japse gespielt empört nach Luft. "Nehmen Sie es ihm nicht übel", sagt seine Begleiterin, "so ist er immer, sehr geradeaus und immer feste druff!"

Jetzt hat auch der Magdeburger Oberbürgermeister bemerkt, daß es nicht eben charmant ist, einer Frau zu sagen, ihre Geburt wäre sehr lange her, und muß über sich selber lachen. Versöhnlich legt er mir den Arm um die Schulter. "Na", sag ich, "schon gut. Meiner Geburtsstadt nehme ich nichts übel!"

Und außerdem sind die Potsdamer jetzt auch nicht gerade für ihren ausgeprägten Charme bekannt, oder?

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3. März 2009

Ein T-Shirt auf der Brücke der Einheit

Die Glienicker Brücke ist auch heutzutage immer für eine überraschende Begegnung gut. Kaum waren meine heutigen Gäste dort ihrem Auto entstiegen, erkannten sie einen Herrn, der, in Begleitung einer Potsdamerin, die ich nun wiederum erkannte, eben auch gerade den Blick über den Jungfernsee genoß.

Ich war heute dort als Geburtstagsgeschenk für eine ältere Dame - ihre Kinder hatten ihr eine Stadtrundfahrt geschenkt. Und da Frauen an ihrem 80. Geburtstag gewisse Vorrechte besitzen und diese auch zu nutzen wissen, wurde der Herr angesprochen, in ein nettes Gespräch verwickelt, freute sich auch sehr, und seine Begleiterin, eine frühere Kundin von mir, fragte, ob sie sich auf der Glienicker Brücke meiner Führung anschließen dürften.

"Aber selbstverständlich!", kam die prompte Antwort meiner Gäste. Denn es sind meine Gäste, die in solchen Situationen entscheiden, mit wem sie ihre Stadtführerin teilen wollen. Und so standen wir also alle beisammen mitten auf der Brücke und ich erzählte u.a. von dem einzigen Grenzdurchbruch, der hier gelungen ist.

Dann trennten sich unsere Wege wieder. Aber bevor der Herr sich sehr herzlich von der 80jährigen Jubilarin verabschiedete, bat er noch um ihre Adresse: Er werde ihr als kleinen Gruß und Geburtstagsgabe ein T-Shirt schicken! Die Adresse wurde auf der Rückseite einer meiner Visitenkarten notiert, es folgte allgemeines Händeschütteln und Aufwiedersehen-Sagen, und eine immerwährende Erinnerung einer alten Dame an eine bemerkenswerte Begegnung auf der Glienicker Brücke war geboren.

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2. März 2009

Historisches Rüstzeug und angemessene Kleidung

Heute erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über "Akademische Missionare" und damit über eine Gruppe von Alumni der Universität Potsdam, die ich Mitte Februar durch die Potsdamer Innenstadt geführt hatte.

Im Auftrag meiner früheren Uni mit polnischen und russischen Gästen unterwegs zu sein, war mir natürlich ein Vergnügen. Zumal diese wissen, wie man sich richtig anzieht. Zur Erinnerung: Mitte Februar hatten wir hier richtigen Winter in Potsdam! Osteuropäer finden das aber nicht überraschend, kleiden sich entsprechend und stehen nicht schlotternd und mit triefigen Nasen vor mir. Was ich leider nicht von allen meinen Gästen im vergangenen Winter behaupten kann...

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18. Februar 2009

Trüffel aus Düsseldorf

Wie man an die köstlichen Trüffel der Confiserie Heinemann aus Düsseldorf kommt? Ganz einfach: Man steigt zur vereinbarten Zeit den Brauhausberg in Potsdam zum Brandenburger Landtag hinauf, trifft dort auf eine Gruppe sehr netter Menschen, die beim Nordrhein-Westfälischen Landtag arbeiten, heute zum Arbeitsbesuch hier sind und sich nun mit ein paar Sehenswürdigkeiten der Stadt vertraut machen möchten. Dann fährt man als erstes zum Alten Markt, erläutert dort ausführlich das Neubauprojekt des Landtages, vergißt nicht, den edlen 20-Mio-Euro-Spender zu erwähnen, der dafür die historische Fassade des Potsdamer Stadtschlosses ermöglicht hat; zeigt die Schiffbauergasse, Glienicker Brücke, beantwortet Fragen zu Potsdamer Prominenten, und weiter geht es durch die frühere KGB-Stadt zum Cecilienhof; dann braucht die interessierteste Gruppe eine Pause in der Meierei am Jungfernsee, während der die Zeit genutzt wird, um über die blühenden Landschaften (Ost) und die Strukturprobleme (West) zu reden; danach weiter im Rundkurs durch das Preußische Arkadien, zum guten Schluß noch über die februarmatschige Terrasse von Schloß Sanssouci zum Grab des Königs geführt, wo wie immer die Kartoffeln liegen, alle Fragen beantworten, Geschichten erzählen, die Zeit im Auge behalten, damit die Gruppe ihren Flug nach Hause pünktlich erwischt und am Museumsshop darauf hinweisen, daß man eventuell den Lieben zu Hause etwas mitbringen könnte...

Nach drei Stunden und all dem bekommt man dann die Trüffel von Heinemann als Dankeschön geschenkt, natürlich in einer Sonderverpackung des Landtages Nordrhein-Westfalen. Mit schönen Grüßen. Ganz einfach. Oder man bestellt sie im Internet. Aber das ist ja irgendwie langweilig.

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25. Januar 2009

Frauentag im Januar

Das war natürlich Zufall, daß ich es heute gleich mit zwei Gruppen zu tun hatte, die ausschließlich mit Frauen "besetzt" waren. Die Stadtrundfahrt am Vormittag für eine Gruppe vom einem Landfrauenverband aus der Nähe von Frankfurt/Main startete an der Glienicker Brücke; der Nebel hatte sich noch nicht aufgelöst, vom Schloß Babelsberg und der Sacrower Heilandskirche war also nichts zu sehen. Aber dann kämpfte sich doch die Sonne durch den Hochnebel, und bei unserem Ausstieg am Schloß Sanssouci fühlte es sich schon wie ein Vorfrühlingstag an - inklusive ordentlich Matsch auf des Königs Terrasse.

Die Grabplatte war wegen des königlichen Geburtstages am Tag zuvor völlig bedeckt mit Gaben der Besucher: Blumen, Kränze, Kartoffeln, ein Grablicht und sogar Bonbons lagen dort. Bonbons? Ja, das ist gar nicht so seltsam, wie man zuerst meint; Friedrich der Große galt als Freund alles Süßen...

Es ist übrigens immer wieder erstaunlich, wieviele Menschen familiäre Bindungen an Potsdam haben. Auch in dieser Gruppe war ein Opa einer Teilnehmerin Anfang des 20. Jahrhunderts als Soldat hier stationiert, eine andere Frau konnte sich lebhaft an ihre Großtante erinnern, die als Diakonisse im Oberlinhaus in Babelsberg lebte.

Nachmittags dann mit einer kleinen Gruppe Potsdamerinnen zu Fuß in der Innenstadt unterwegs, wobei sich herausstellte, daß es tatsächlich nur eine "wirkliche" Potsdamerin unter uns gab. Potsdamer und Potsdamerin im strengen Sinne ist nämlich nur, wer in der Stadt geboren ist, alle anderen sind "Eingeschmeckte", wie eine alte Dame aus der Seniorenresidenz Heilig-Geist-Kirche mir vor ein paar Jahren einmal sagte. Ich bin ja auch eine Eingeschmeckte, habe aber im Normalfall aufgrund meines Berufes doch einen gewissen Wissensvorsprung selbst vor den Eingeborenen.

Als wir nach der Führung noch in unser aller Lieblingscafé einkehrten, fragte mich der Besitzer, ob das denn nun wirklich so anders sei - "nur mit Frauen"? Ja, natürlich, war meine Antwort. Nur mit Männern aber auch!

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15. Dezember 2008

Frieren in Potsdam

Oh ja, Frau Dittfeld hat recht, es wurde kräftig gefroren und gebibbert bei den iranischen Schülern, die ich am Sonnabend ein Stück durch die Potsdamer Innenstadt und über gleich zwei Weihnachtsmärkte geführt habe. Das lag aber nicht am besonders kalten Potsdamer Dezemberwetter, sondern am Fehlen geeigneter Kleidung bei den jungen Leuten - sie hatten schlicht nicht auf ihre erwachsenen Begleiter gehört, die ihnen sagten, sie mögen sich warm anziehen.

Und ehe jetzt alle schadenfroh sind: Viele Erwachsene heutzutage wissen auch nicht, wie man sich witterungsgerecht kleidet. Also bitte, möge sich jeder an die eigene rotgefrorene Nase fassen, ja?!

Hier ist der Artikel der heutigen PNN über den Besuch der iranischen Schüler: Link.

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12. Oktober 2008

Eine Kundin mit Langzeitgedächtnis

Hello Susanne -
Two years ago, July 2006, my friend Karl and I met with you for a tour of Potsdam. While watching a television program in the US called Visions of Germany - Bavaria, it prompted me to call my friend Karl, and we spoke of you. Karl and I reminisced about our fantastic trip to Germany, most particularly Potsdam and the wonderful tour you provided.

I wondered how you are doing, and even though it is two years later, the tour that you gave to me and Karl was absolutely the best I have ever experienced. You made it quite educational and fascinating with your knowledge of a rich history of such an important city.

So I wanted to take a moment to say thank you again for the superb sharing of your time, wealth of knowledge, and friendship. You are thought of in the highest regard, and will never forget our time together.
Warm regards,
Annie Amato
USA - Maryland

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29. September 2008

Vom König Kartoffeln, vom Kronprinzen Mangold

Es liegen ja immer Kartoffeln auf dem Grab von Friedrich II., manchmal liegt dort auch ein Lorbeerkranz. Meine Gäste lächeln und meinen, in Potsdam könne man also gar nicht verhungern, der König würde immer noch für seine Leute sorgen: Für eine Kartoffelsuppe, gewürzt mit Lorbeerblatt, würde es ja reichen.

Als wir später am Schloß Cecilienhof die Blattschmuckrabatten bewundern und den dort auch mit hineingepflanzten Mangold identifizieren, sind sie endgültig begeistert: Na bitte! Vom König Kartoffeln und vom Kronprinzen Mangold!

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14. Juli 2008

Fortuna im Gleichgewicht

Was sie denn da mit dem Arm mache, hatte ich die Gruppe noch ziemlich junger Schüler gefragt, und damit die Fortuna-Statue auf dem Fortunaportal des Stadtschlosses gemeint. Mit der rechten Hand hält sie ein Tuch fest, das ihr schon fast ganz vom Körper geweht zu sein scheint, der linke Arm ist erhoben, die Hand kippt noch etwas höher, aber die Handfläche öffnet sich zu dem unter ihr liegenden Alten Markt.

Was sie denn also da mit ihrem Arm mache? Alle gucken nach oben und überlegen. Das Gleichgewicht halten! ruft das kleinste Mädchen der Gruppe. Na, das ist doch mal ein toller Einfall! Glück spenden und das Gleichgewicht halten haben doch sehr viel miteinander zu tun, nicht wahr?

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31. Mai 2008

Alles bloß Film!

Ich hätte es ja wissen müssen, aber heute bin ich eben doch einmal darauf hereingefallen: Meine Gäste und ich stehen so in der brüllenden Hitze am Steuben-Denkmal und reden über amerikanische Unabhängigkeit, als wir plötzlich eine megaphonverstärkte Stimme vom Neuen Markt hören. Wir verstehen nur Bruchstücke: die Sozialdemokratie - nicht mehr hinnehmbar - laßt uns alle...

Der Neue Markt ist voll von Menschen, die rote Fahnen tragen, eine Bühne ist aufgebaut, es wird deklamiert und demonstriert. Mhm, schon unschön, wenn ich als Stadtführerin nicht weiß, wo eine Demonstration stattfindet, erst recht, wenn diese mitten auf unserer Route liegt.

Aber was soll's, es sieht alles friedlich aus, irgendwie werden wir schon über den Platz kommen... Als wir näher herangehen, bedeutet uns ein freundlicher junger Mann, doch hinter der Bühne durchzuschlüpfen, dort dürften wir durch. Dürfen? Ähem! Kurz bevor ich mich zu einer Bemerkung über meine Rechte, öffentlichen Straßenraum benutzen zu dürfen, wann es mir paßt, hinreißen lassen, entdecke ich die Kamera, das Licht, und die Leute, die den "Demonstranten" Zeichen geben, wann sie rufen sollen und wann sie zu schweigen haben.

Alles bloß Film! Na dann... Da haben Sie sich aber Mühe gemacht, extra für uns hier Dreharbeiten abzuhalten, sagt eine Frau aus meiner Gruppe. Ja, nicht wahr?! Gern geschehen!

PS vom 2.6.08: Heute steht's in der Zeitung - der Dutschke war's!

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12. Mai 2008

Fliederpfingsten in Potsdam

Schöneres Pfingstwetter kann es nicht geben und auch kaum noch mehr Gäste in Potsdam. Die Stadt zeigt sich wirklich von ihrer schönsten Seite in dieser Jahreszeit, überall duftet es nach Flieder- und Kastanienblüten, und mancherorts auch nach Bratwurst...

Apropos Flieder: Meine Gäste vom letzten Donnerstag - ein Paar, das seit mehr als vierzig Jahren beisammen ist - konnten sich genau daran erinnern, daß vor eben diesen vierzig Jahren die Fliederblüte noch mit dem Geburtstag des Mannes am 3. Juni zusammenfiel. Bei unserem Spaziergang durch die Berliner Vorstadt, in der überall die Gartenregner sprühten, wandelte also der Klimawandel mit.

Bei meiner Führung am Pfingstsonntag war das Tempo auch eher ein Wandeln, denn ein Gehen, geschuldet den kleinen, tapferen Kindern, die auf bequemes Geschobenwerden verzichten mußten. Dennoch herrschte beste Laune, wie sich das die Jubilarin wünschte, die ihren Geburtstagsgästen eine Stadtführung geschenkt hatte - wie großzügig! Während unserer Route guckten alle ganz verzückt um sich, und am Ende hatte sich die große Hansestadt in die kleine Preußenprovinz feiertäglich verliebt. Frohe Pfingsten!

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4. Januar 2008

Die letzten und die ersten Gäste

Zufällig hatten meine letzen Gäste des Jahres 2007 und die ersten im Neuen Jahr einiges gemeinsam: Bei beiden Gelegenheiten waren es Paare, mit beiden habe ich eine Autorundfahrt durch die Stadt gemacht, an beiden Tagen war es so kalt, daß wir froh waren, in einer warmen Kiste zu sitzen, beide haben sich das erste Mal intensiver mit Potsdam beschäftigen wollen und bei beiden Gelegenheiten sprachen wir Deutsch. Obwohl das erste Paar aus Israel und das zweite von der Insel Sylt angereist war.

Beide Führungen haben mir einmal mehr den vielleicht größten Vorzug meines Berufes gezeigt: Man lernt sehr interessante Menschen kennen und profitiert davon in mehr als einer Weise. Die Anwesenheit der Israelis öffnete zum Beispiel auch mir den jüdischen Friedhof, der seit einigen Jahren wegen eines bis heute unaufgeklärten Brandanschlages nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wie schön, diesen stillen Ort am Hang des Pfingstberges einmal wieder betreten zu dürfen...

Und die Sylter? Beides Augenmenschen von Berufs wegen - sie eine Kollegin, er Fotograf - mit großem Interesse und Blick für die Schönheit meiner Stadt, auch Anfang Januar bei grauem Himmel. Und natürlich ist das Lob einer Kollegin, daß wenig später per Postkarte bei mir eintraf, immer besonders wertvoll und willkommen - gedankt sei dafür mit Namensnennung:

Silke von Bremen macht die Führungen auf Sylt und Hans Jessel die schönen Bilder.

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28. Dezember 2007

Schiffbauergasse - Rückblick 2007

Insgesamt 360 Gäste habe ich im letzten Jahr über das Areal der Schiffbauergasse geführt. Die meisten davon vereinbarten individuelle Führungstermine, öffentliche Führungen gibt es nur noch zu besonderen Höhepunkten wie dem Schiffbauerfest im September. Besonders attraktiv war die Schiffbauergasse im Dezember: Viele Gruppen wollten sich anläßlich ihrer Weihnachtsfeier das Areal einmal genauer ansehen. Dabei kam mein Hinweis, daß es in diesem Monat früh dunkel wird, für viele Leute doch erstaunlich überraschend...

Der prominenteste Gast des Jahres hatte dabei auch die längste Anreise: Der Parlamentspräsident der Mongolei war sehr interessiert an der besonderen Mischung aus Kultur und Gewerbe, der schönen Lage am Wasser und ignorierte das deutsche Dreckwetter mit dem Hinweis, so etwas nähme man in seinem Land gar nicht ernst.

Beim Besuch der Mertens-Gruppe der EU im Juni war bei 44 Teilnehmern aus 27 Ländern Englisch die Sprache der Wahl und das Tempo des Rundgangs regelrecht preußisch zügig: In nur 45 Minuten wollte man sich zeigen lassen, wie Potsdam die EU-Fördergelder in der Schiffbauergasse eingesetzt hat. Mir schien: zur Zufriedenheit der Anwesenden. Auch das Land Brandenburg war 2007 u.a. wieder mit Gruppen aus dem Finanz- und Umweltministerium vertreten. Die ILB ist ja sowieso schon Stammgast an der Schiffbauergasse. Auch der gute Täter kehrt gern an den Tatort zurück, nicht wahr?!

Mit dabei waren auch Architekten aus Potsdam und Berlin, Rotarier aus Chemnitz, Kulturpolitiker der Gemeinde Strand in Norwegen, viele private Gruppen und - der Deutsche Hausfrauenbund Berlin. Gleich zu Anfang meiner Führung bei der Besichtigung des Theaterfoyers fragten sich die Fachfrauen, wie hoch die Fensterputzkosten dieses imposanten Gebäudes wohl sein mögen... Gute Frage!

Ein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle meiner Kollegin Christine Blümer, die für mich einspringt, wenn ich schon einen anderen Führungstermin habe, oder aber mit mir zusammen wie beim Schiffbauerfest Führungen zu speziellen Aspekten der Schiffbauergasse anbietet - ich die Militärgeschichte, sie die Kultur zum Beispiel.

Und weil ich schon beim Dankesagen bin: Dank an Frank Bettinger, den Chefdisponenten des Theaters, der meinen Gruppen sein Haus öffnet, wenn der Theaterbetrieb es zuläßt. Vielen Dank auch an den guten Geist des Waschhauses, Herrn Rettich, der so manchen Blick in die Schinkelhalle ermöglicht hat, ein Dankeschön auch an die immer netten Leute von T-Werk und fabrik, die uns ihre Räume geöffnet haben - sogar, wenn dort gerade eine Probe lief.

Und noch ein Hinweis zum Schluß: Ihr lieben Leute! Es ist eben nicht immer möglich, Theater, Schinkelhalle, T-Werk, fabrik und die anderen Häuser zu besichtigen. Das sind keine Museen! Dort wird gearbeitet, geprobt, Technik auf- und abgebaut, Akustikmessungen vorgenommen und derlei mehr. Aber es gibt einen ganz einfachen Weg, die Spielstätten von innen zu sehen: Tickets kaufen und einen schönen Abend verbringen!

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21. Dezember 2007

Es gibt kein schlechtes Wetter

Was habe ich doch für bibbernde Gäste erlebt in diesem angebrochenen Winter! Am Anfang grinsen sie noch, wenn sie mich treffen. Heute, zu einer Nachmittagsführung in der Schiffbauergasse bei minus ein, aber gefühlten minus zehn Grad, hatte ich natürlich auch meine dicke Mütze auf. Die, die jeder Einheimische hier sofort als russische Tschapka identifiziert, jeden Amerikaner aber eher an die Mützen von Trappern im Wilden Westen denken läßt. Ja, genau, die mit den Ohrenklappen und dem Fell. Dazu ein langer Wollmantel, darunter schichtweise was der Kleiderschrank hergibt, desweiteren ordentliche Laufstiefel, Armstulpen und dicke Handschuhe. Und ja, so fahr' ich auch Fahrrad den ganzen Winter durch. Wie schon gesagt: Am Anfang grinsen sie noch, Männer wie Frauen. Nach spätestens zwanzig Minuten ist aus dem Grinsen dann aber glühender - nein, doch eher eisgekühlter Neid geworden.

Mir hat das neulich mal einer meiner Gäste erklärt, bibbernd natürlich: Er fahre morgens mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, mit dem Auto zur Arbeit in die Tiefgarage, mit dem Fahrstuhl ins Büro. Nach der Arbeit das selbe ins Fitneßstudio, um dort auf dem stationären Fahrrad zu strampeln. Und wieder zurück nach Hause: Fahrstuhl, Tiefgarage, Auto, Tiefgarage, Wohnung. Um ehrlich zu sein, hatte ich bis dahin wirklich nicht darüber nachgedacht, daß eben das für viele Menschen heutzutage die normale Daseinsform ist.

Merken Sie also auf: Wenn Sie eine Stadtführung buchen zwischen Ende Oktober und Mitte April, müssen Sie sich warm anziehen! Borgen Sie sich zur Not einen Mantel.

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10. November 2007

Ich sollte Sportwetten abschließen

Als ich meine kleine Gruppe am Eingang vom Dorint-Hotel treffe, kommen dort gerade viele Herren in schwarzen Trainingsanzügen herausgeschlendert. Und meine Gäste wissen bescheid: Es ist die Mannschaft von Hannover 96, die heute nachmittag gegen Hertha spielen wird. Aha. Schön schön, da ist man also in Potsdam untergebracht. Die Hannoveraner schlendern über die Kreuzung hinüber zur Alexandrowka, da wollen wir auch hin, da werden wir sie wohl wieder treffen, ist ja auch ideales Jogginggelände.

Als wir an der Kreuzung in der Mitte der Alexandrowka stehen, kommen sie wieder an uns vorbei - immer noch schlendernd und plaudernd. Einer meiner Gäste macht ein Foto für seinen Sohn, der Spieler nickt verständnisvoll. Nur joggen tut kein einziger. Seltsam, sagt einer meiner Gäste. Und ein anderer: So sehen keine Sieger aus! Er muß es wissen, denk' ich, die kleine Gruppe großer Männer hier hat früher zusammen Basketball gespielt. Und ich muß also während der ganzen Führung mit in den Nacken gelegtem Kopf zu ihnen sprechen.

Und am Abend höre ich in den Nachrichten, daß tatsächlich Hannover gegen Hertha verloren hat. Aber das hatte ich ja schon vorher gewußt...

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28. Oktober 2007

Erinnerung an den Sommer

Tür im Holländischen Viertel

Ja, natürlich fotografieren meine Gäste. Und ja, auch mich, fast immer sogar. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, sich vorzustellen, in wievielen Bilderalben auf dieser Welt es ein Foto von mir gibt. Mhm... Aber es kommt - leider - selten vor, daß auch mal jemand Fotos schickt. Um so größer war meine Freude, diese (und viele andere) Fotos von einer Stadtführung im Juli zu erhalten. Und dann auch noch so schöne, mit einem so aufmerksamen Blick für's Detail und so viel offensichtlicher Begeisterung für Potsdam. Und auch ich finde mich selbst gut getroffen - und hatte schon ganz vergessen, daß wir bei unserem Bummel durch die Innenstadt in einen Regenschauer geraten waren. Vielen Dank für die Fotos und die damit verbundenen Erinnerungen an Evelyn Jungermann!

die Stadtführerin unter'm Schirm

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10. Oktober 2007

Stadtführungen haben ein Nachspiel

So erhalte ich jetzt jeden Tag einen Anruf aus der Journalistentruppe, die ich am Sonntag geführt habe: Wie die Architektin dieses gelungenen Hauses am Neuen Markt heißt, ob ich die aktuelle Studie über ausländische Touristen im Osten Deutschlands kenne, wen man denn nach Besucherstatistiken in Potsdam fragen könne (TMB und Schlösserstiftung!), ob ich finde, daß viele oder wenige Ausländer Potsdam besuchen. Mhm, bei mir sind es nicht wenige, ich führe auch in Englisch. Ob Potsdam nur Vor- oder auch Nachteile vom Tourismus hätte. Die Frage vom Sonntag selbst, wie hoch die Miete für eine Drei-Raum-Wohnung hier wäre, ist da ja schon Standard...

Man hilft, wo man kann! Auch gern, wenn eine Studentenaustausch-Organisation fragt, ob ich denn helfen könne, ein Praktikumszimmer in Potsdam zu besorgen für zwei Monate. Deren Studenten habe ich schon öfter geführt, und Austausch liegt mir am Herzen, das hat sich mittlerweile herumgesprochen.

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7. Oktober 2007

Na, dann machen Sie mal Ihre Arbeit!

Zugegeben, das war vielleicht nicht gerade das, was meine Gäste gestern auf dem Alten Markt als Begrüßung aus meinem Mund erwartet hatten. Aber schließlich stehen da zukünftige Journalisten vor mir, die sich zu einem Seminar in Potsdam aufhalten.

Nach einer kurzen Phase der Irritation ging es dann aber gleich gut los: Warum treffen wir uns ausgerechnet hier? Gute Frage! Na dann...

Nach zwei Stunden inklusive einer Pause für's Essen (Die halten uns da ein bißchen kurz im Hotel!) waren dann alle zufrieden. Nein, individuelle Stadtführung sind nicht langweilig. Sie sind so gut wie die Gäste, ganz einfach.

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18. September 2007

Der Vorsitzende lacht

Auf dem Weg vom Theater zur Reithalle A auf der Schiffbauergasse flog uns dann der Schirm fast weg. Aber der Dolmetscher, bei dem ich mich untergehakt hatte, hielt ihn fest, und so stülpte er sich nach außen und wurde zum rot-weißen Wrack. Der Schirm, nicht der Dolmetscher. Ich lachte, der Dolmetscher lachte und hinter uns der mongolische Parlamentspräsident lachte auch. Das erste Mal - vorher hatte er nur gelächelt. Was tut man nicht alles für die Völkerfreundschaft!

Nachdem der Vorsitzende des Großen Staatskhurals der Mongolei Prof. Dr. Danzan Lundeejantsan an diesem stürmischen und regnerischen Morgen per Schiff in der Schiffbauergasse angekommen war, ging es erst einmal ins neue Theater Potsdams. Das war so geplant, das Richtige bei dem Wetter und fand obendrein sein großes Interesse. Die Motorradbegleitstaffel des Landes Brandenburg hatte derweil draußen Schutz gefunden im Durchgang der ehemaligen Koksseparation des alten Gaswerkes und wirkte ganz aufgeräumt.

Der Trialog zwischen dem Vorsitzenden, dem Geschäftsführer des Theaters und dem Dolmetscher verlief so angeregt, daß der Gast nun auch noch das Jugendtheater auf dem Gelände zu sehen wünschte. Kein Problem: Der Geschäftsführer lief voraus, um die probenden Künstler vorzuwarnen und für den Weg über unbekanntes Gelände hatte man ja mich dabei.

Im Jugendtheater angekommen, waren wir wiegesagt um einen Schirm in Brandenburger Landesfarben ärmer, der Vorsitzende immer noch guter Dinge und die gesamte Delegation am Staunen, daß man hier in einer alten Reithalle Theater spielt. Derweil draußen der Limousinenkonvoi eben schnell umgeparkt und neu sortiert werden mußte...

Von mir folgten einige allgemeine Informationen über das Areal der Schiffbauergasse: Künstler und Gewerbe an einem Standort, das ist doch mal was! Ja, ganz neuer Trend der Stadtentwicklung, man trennt nicht mehr, das ist gut für die Inspiration. Der eloquente Theatergeschäftsführer erhielt zum Schluß noch eine Einladung ins Theater der mongolischen Hauptstadt: Man würde den Faust geben!

Und los ging's im Konvoi durch die Stadt, blaulichtumblitzt und von Motorrädern begleitet in gefühlten zehn Sekunden zum Alten Markt. Das war meine Idee: Dem Vorsitzenden war nämlich ein Vormittagstermin geplatzt und die schnell vom Protokoll erdachte Ersatzvariante Schloß Sanssouci nicht genug, um die Zeit zu überbrücken. Also war ich zu meinem Dienstantritt mit der Idee gekommen, dem mongolischen Parlamentspräsidenten doch zu zeigen, wo sich das Land Brandenburg einen neuen Landtag baut.

Große Erleichterung darob bei den Landtags- und Bundestagsprotokollbeamten. Gute Idee! Zumal die Mongolei gerade auch einen Parlamentsneubau planen würde... Na, dann paßt das ja. Aber das schlechte Wetter? Keine Sorge, im Foyer vom Alten Rathaus stehen wir trocken und am Modell des unzerstörten Platzes.

Der nette Wachmann dort zeigte sich brandenburgisch-unbeeindruckt vom hohen Besuch, der Vorsitzende dafür umso interessierter am Projekt: Ob man denn im Originalstil des Stadtschlosses bauen würde? Wie heißt denn dieser Stil noch einmal, den ich schon so oft in Deutschland gesehen habe? Achja, Barock, dankeschön. Wie hoch die Baukosten wären? Wann man denn fertig sein würde? Nein, wir sind zuhause noch lange nicht so weit wie Sie. Noch nicht einmal der Bauplatz stünde fest...

Und weiter geht es im Konvoi durch die Stadt nach Sanssouci. Und ich erlebe, welche Wunder die Protokollverantwortlichen des Landtages Brandenburg vollbringen können: Während der Vorsitzende durch die Stadt fährt, organisieren sie eben mal schnell, daß er mit seiner Delegation ins Schloß kann. Unangemeldet, den Rhythmus der normalen Führungen störend und bitteschön höchstens 20 statt der üblichen 45 Minuten. Die Bundestagsprotokoller und ich sind beeindruckt.

Und während ich im schwarzen Kleinbus sitze, der direkt vor dem wichtigsten Auto fährt, sehe ich all die Potsdamer, die wie ich sonst auch im konvoiverursachten Stau und an blockierten Kreuzungen stehen und sich in Gelassenheit üben: Man ist halt Landeshauptstadt, man ist halt die Nachbarstadt von Berlin, da kommt das öfter vor, was soll man da machen, wir sind's gewöhnt.

Sanssouci: Die Kastellanin höchstselbst führt uns durch das Schloß. In Filzpantoffeln - da gibt es keine Ausnahmen; aber diese Art Joggingtempo in den dicken Dingern hab ich auch noch nicht erlebt. Große, begeisterte Befriedigung beim Vorsitzenden: Er ist historisch sehr interessiert, Friedrich der Große ein Begriff natürlich. Ich beantworte im Hintergrund ein paar Fragen, mal mit Dolmetscher, mal in Deutsch dem Botschafter gegenüber, mal in Englisch, der mitreisende mongolische Journalist möchte bitte die exakte Schreibweise notieren: Sanssouci!

Beim anschließenden Kaffeetrinken im gegenüberliegenden Restaurant hat der Vorsitzende keine Frage mehr für mich, aber zum Abschied eine mongolische Münze, einen Händedruck und ein persönliches Dankeschön. Da ich ihn heute schon einmal zum Lachen gebracht habe, frage ich nach: Ob ich damit in der Mongolei bezahlen könne? Leider nicht, sagt er und lächelt.

Merke:

Im Konvoi mit Blaulicht und Motorradbegleitung durch Potsdam zu fahren, ist definitiv die schnellste Fortbewegungsart in dieser Stadt. Sparen Sie nie am Protokoll!

Mongolische Parlamentspräsidenten sind landestypisch wetterfest, und zwar sehr!

Motorradstaffelbegleitungsdienst zu machen ist für Polizisten eine willkommene Abwechslung. Und die Jungs sind auch nicht aus Zucker.

Für Sonderspezialkurzführungen im Schloß Sanssouci wenden Sie sich vertrauensvoll an das Protokoll des Landtages Brandenburg.

Man reagiert mit spontanem Gelächter, wenn einem der Schirm wegknickt, denn das bringt den Gast zum Lachen und stärkt die Völkerfreundschaft!

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5. Juli 2007

Stadtführen macht gesund und glücklich

Vorgestern um zehn treffe ich Bob und Ruth, zwei amerikanische Lehrer aus Detroit, die über die Jahre viele Austauschschüler bei sich aufgenommen haben und nun in der Familie ihres letzten Gastkindes in Potsdam zu Besuch sind. Die dankbare Gastkind-Mutter spendiert eine Stadtführung und ist froh, daß mein Englisch besser ist als ihr eigenes. But hey, it isn't perfect at all!

Wir laufen von der Glienicker Brücke über die Schwanenallee in den Neuen Garten und dort am Heiligen See entlang zum Marmorpalais. Zum Glück ist es heute nicht sehr warm und so müssen meine Gäste nur zwei leicht bzw. gar nicht bekleidete Potsdamer ignorieren, als wir an der Badestelle vor dem Grünen Haus vorbeikommen.

Andere Länder, andere Sitten, ja klar. Aber wenn an heißen Sommertagen die Wiesen hier überfüllt sind mit Menschen unterschiedlicher Nacktheitsgrade, dann sollte die Stadtführerin schon vorher überlegen, welche Nationen sie daran vorbeiführen kann, ohne daß es zu internationalen Verwicklungen kommt... Die beiden nehmen's gelassen: Ihre Tochter war schon mal auf Europareise und hat von den zum Teil sehr freizügigen Europäern berichtet.

Eine Viertelstunde vor Ende der Führung sind wir an der Orangerie, wo auch in diesem Sommer wieder ein kleines Cafè geöffnet ist. Als Ruth die Blumenrabatten an der Orangerie sieht, beschließt sie, für immer hier bleiben zu wollen - wir einigen uns dann auf fünfzehn Minuten bei Apfelschorle.

Nachdem ich die beiden glücklichen Amerikaner am Haupteingang Alleestraße bei ihrer dankbaren Gastgeberin abgeliefert habe, spaziere ich zurück zum Cafè: Ich habe drei Stunden Zeit, bis meine nächsten Gäste am Anleger Cecilienhof ankommen, da lohnt es nicht, nach Hause oder in die Innenstadt zu laufen.

Also gibt es zwei Potsdamer Würstchen (ja, die gibt es inzwischen!) und guten Kartoffelsalat und danach eine halbe Stunde Mittagsschlaf auf einer Bank gleich um die Ecke. Wirklich bequem ist es nicht, aber neben mir plätschert ein Brunnen und hält den Lärm der Stadt auf Distanz. Sehr schön.

Zum Cecilienhof nehme ich nicht den kürzesten Weg, sondern Wege, die ich mit Gästen eher nicht gehe, kleine, in Schleifen sich windende Wege. Es ist immer wieder erstaunlich und großartig, daß man abseits der ausgetretenen Pfade so allein in den weltberühmten Potsdamer Parks sein kann. Stille und geheime Orte gibt es da, nach denen nie jemand mich fragt...

Am Schloß ist der Besucherrummel wieder da, aber in der Meierei am Jungfernsee ist der Andrang überschaubar. Nachdem ich einen Kaffee getrunken habe, ist immer noch viel Zeit übrig bis zur Ankunft meiner nächsten Gäste. Also laufe ich die Bertinistraße einmal hoch und runter; ich war schon viel zu lange nicht mehr hier und sehe jetzt sanierte Häuser, die noch vor wenigen Jahren so heruntergekommen waren, daß man fast keine Hoffnung auf ihre Erhaltung hatte.

So, jetzt aber: Kurz bevor die "Moby Dick" aus Wannsee anlegt, regnet es ein paar Tropfen, der Himmel sieht recht dunkel aus, und ich bange um die kommenden zwei Stunden. Aber die Gruppe Berliner Verhaltenstherapeuten, die erwartungsvoll vom Schiff kommt, ist gut ausgerüstet mit ordentlichem Schuhwerk, Regenjacken und einer kaum zu erschöpfenden Neugier.

Vom Cecilienhof geht es nun wieder zum See, dort entlang zum Marmorpalais, dann quer raus zum Mirbachwäldchen, Kaiserin-Augusta-Stift und zum ehemaligen KGB-Gefängnis. Kurz bevor wir gekommen sind, hat hier heute die Grundsteinlegung für einen Erweiterungsbau stattgefunden, und dieses Ereignis wird es heute abend bis in die heute-Nachrichten und die Tagesschau schaffen.

Und jetzt, wie vereinbart, der Aufstieg zum Pfingstberg. Dort soll dann Schluß sein, zwei Stunden waren abgemacht, ich liege knapp, aber noch gut in der Zeit. Aber plötzlich bleiben alle stehen - es liegt Meuterei in der Luft! - und fragen mich, ob wir den Pfingstberg vielleicht auslassen könnten. Sie würden nämlich so gern mit mir noch zur Alexandrowka gehen und für beides wäre ja sicher keine Zeit mehr?

Mhm. Das könnte man machen, klar. Aber es wäre schade um den Pfingstberg und die schöne Aussicht vom Belvedere, oder? Leicht betretene Gesichter: Ja, schon. Hier braucht es jetzt sofort einen Durchbruch, also mache ich einen Vorschlag: Der Pfingstberg liegt auf der Luftlinie sowieso zwischen uns und der Alexandrowka, die Gruppe hat noch Zeit bis zu ihrem reservierten Abendessen, ich habe nach der Führung nun heute wirklich nichts mehr vor - wir könnten beides machen, aber es dauert dann länger als die vereinbarten zwei Stunden. Oh ja, sagt jemand. Naja, sage ich, aber meine Zeit ist wertvoll, verstehen Sie? Ja, das verstehen sie, das finden sie richtig gut, daß ich meine Zeit nicht verschenken will, der "Finanzminister" der Gruppe nickt und ab geht es auf den Pfingstberg.

Dort oben erbitte ich mir eine Sprechpause, als die Gruppe natürlich dann auch die Türme des Belvederes besteigen und die Aussicht genießen will. Die knappe halbe Stunde, die das dauert, berechne ich ihnen nicht, da bin ich eigen. Nur mit dem Schweigen wird es nichts, weil auch andere Touristen jetzt noch hier hoch gekommen sind und mich fragen: Was das denn sei, ob es noch offen, ob man noch hinein und hinauf könne -

Ich rufe zu Hause an und sage, daß ich später komme als geplant. Dann geht es den Berg hinunter und über den nächsten zur Alexandrowka. Jetzt muß ich aber doch auf die Zeit achten: Noch eine halbe Stunde bis zum reservierten Abendessen in der Villa Kellermann. Die Alexandrowka gibt es also nur noch im Telegrammstil, danach laufen wir gemeinsam zum Restaurant - ich wohne ja gleich dort um die Ecke, das trifft sich gut.

Zum Schluß kann ich mich nur wundern über so viel Neugier und Ausdauer bei meinen Gästen, die es hoch zufrieden sind. Auf den letzten Metern nach Hause überlege ich, wieviel Kilometer ich heute wohl gelaufen bin und freue mich auf den kaltgestellten Weißwein. Sechs? Na, vielleicht sechseinhalb Kilometer?

Für solche Fragen gibt es Computerprogramme, und heute hatte ich Zeit, damit meine Strecke vom Dienstag einmal genau nachzuverfolgen und auszumessen:

12,59 Kilometer, in Worten: Zwölfeinhalb Kilometer! Als nächstes hätte ich dann gern mal einen kleinen Apparat, der die Anzahl der an einem solchen Tag von mir gesprochenen Worte zählt...

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9. Juni 2007

Britisches Schwitzen

Um 1500hrs sind wir verabredet an der Glienicker Brücke. Auf die Minute genau klingt mein Handy: Sie würden sich verspäten - Radrennen in Wannsee. Sieben Minuten später spricht mich eine sehr junge Frau im weißen Sommerkleidchen an: Hallo, I'm Rebecca!

Rebecca, im Rang eines Leutnants, bemerkt meine Überraschung. Angekündigt waren per Mail acht "britische Militärangehörige" im Kleinbus. Hätten Sie da nicht auch an gestandene Herren im besten Alter gedacht? Na?

Der Kleinbus hat sich verfahren, ist in Klein Glienicke in einer Sackgasse steckengeblieben - und Rebecca ist nicht älter als ihre sieben Kameraden, aber die einzige Frau. Also laufen wir schnell zum Bus und fahren als erstes zu den Villen, in denen Truman, Churchill und Stalin während der Potsdamer Konferenz gewohnt haben. Das muß sein, das geht nicht ohne.

Und das ist erst der Auftakt zu einer dann fast dreistündigen Stadtrundfahrt, in der wir alle schwitzen, weil die Klimaanlage nicht wirklich was taugt, die Jungs (sorry!) und Rebecca mir Löcher ins Hirn fragen und Potsdam zeigt, daß es besonders für Angehörige der früheren Allierten ein Knotenpunkt ihrer Geschichte ist.

Am Schloß Cecilienhof entfährt ihnen genau das, was ihre Königin vor zweieinhalb Jahren auch schon spontan geäußert hat, als sie dort aus ihrem Auto stieg: It looks like home!

Am Ende unserer Fahrt sind wir alle erschöpft, durchgeschwitzt und glücklich, unseren Beitrag zur Völkerverständigung geleistet zu haben: Potsdam ist am 14. April 1945 von der Royal Air Force bombardiert worden, und das habe ich nicht verschwiegen. Unser Wort des Tages? Reconciliation - Versöhnung.

Und dann bekomme ich zum Abschied auch noch einen Handkuß von einem besonders wißbegierigen Soldaten. Auch junge Briten sind eben Gentleman...

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11. Mai 2007

Österreicher, Italiener und das Wetter

Das war nun heute wirklich kein Wetter für Stadtführungen: Windböen in Orkanstärke und immer wieder Regenschauer, gegen die auch kein Schirm half. Und trotzdem habe ich heute 27 Leute durch Potsdam geführt, wobei meine Vormittagsgäste das Privileg genossen, immer gut vor dem Wetter geschützt zu sein:

Nach einem Alarmstart am Morgen - mein Wecker hatte nicht geklingelt! - und einem absoluten Weltrekord in der Kategorie "Wie lange Frauen brauchen, um ausgehfertig zu sein" traf ich ein österreichisches Ehepaar an der Glienicker Brücke. Treffzeit war um 10.30 Uhr, ich war um 10.29 Uhr dort! Der Professor und seine Frau waren mit Limousine und Fahrer vom Ritz-Carlton am Potsdamer Platz gekommen und hatten von mir aus dem Merian-Artikel erfahren.

Ach, was für eine Entspannung nach einem solchen Tagesbeginn in die bequemen Polster des Wagens zu sinken und sich von einem Fahrer, der sein Handwerk und meine Rechts-Links-Schwäche souverän beherrschte, durch die winddurchtoste Stadt fahren zu lassen! Luxus!

Am Alten Markt dann angehalten, um den heutigen Zustand und das Modell des Platzes inklusive Stadtschloß im Foyer des Alten Rathauses anzuschauen. Und an dieser Stelle sei es allen Potsdamern gesagt: Wenn zwei Österreicher angesichts dessen, was Potsdam mit dem Stadtschloß verloren hat, so traurig und bestürzt reagieren, dann dürfen auch wir aufrichtig traurig sein!

An der roten Ampel am Fuße von Schloß Sanssouci sind wir plötzlich von Blaulicht umblitzt: Hinter uns - und sehr dicht hinter uns - stehen zwei Motorräder der Feldjäger, dahinter noch mehr von ihnen und mehrere schwarze Limousinen. In solchen Momenten wäre es schon schön, wenn das Protokoll mir immer vorher mitteilen würde, welcher Staatsgast gerade Potsdam besucht - aber ehrlich gesagt läßt der Informationsfluß in dieser Beziehung doch noch zu wünschen übrig! Und so bleiben meine Gäste im informatorischen Blaulicht-Dunkel, aber sie nehmen's nicht übel.

Nach einer kurzen Pause, in der ich zuhause endlich mal was essen kann, wieder schnell zum Alten Markt. Die angekündigte Gruppe von 25 Italienern läßt auf sich warten. Einzig der italienische Freund und Koch, der mich bzw. eine Stadtführung mit mir großzügig verschenken will an seine Landsleute, ist pünktlich zur Stelle. Und gibt ein gelungenes Beispiel für Assimilation, als er grummelt: Ah! Italiener! Immer zu spät...

Fünfundvierzig (!) Minuten später tauchen Sie auf und sind glücklich, daß ich gewartet habe. Und erstaunt und immer mehr erstaunt, wieviel heimatliche Eindrücke ihnen hier in Potsdam begegnen. Die Liebe der Deutschen zu Italien ist nun wahrlich keine Erfindung der Fünfziger Jahre, auch preußische Könige waren dem Dolce Vita schon verfallen...

Auf der Terrasse von Sanssouci müssen wir alle unsere Schirme zuklappen, trotz Regens: Gleitschirmfliegen war heute nicht mit eingeplant. Am Schluß bin ich dankbar für so viele dankbare Gäste und dafür, daß niemandem von uns ein Baum auf den Kopf gefallen ist. Und ich freue mich schon auf mein mehrgängiges italienisches Menü mit allem Schnick und Schnack. An diesem Nachmittag habe ich nämlich nicht gegen Honorar, sondern für ein Essen gearbeitet. Was tut man nicht alles für gute Freunde und für die Völkerverständigung!

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20. April 2007

Geschichte mit Geländerpfosten

Heute während meiner Stadtführung mit einer Schulklasse des Lycée Francais Budapest sprach mich ein Mann an und fragte, ob er kurz unterbrechen dürfte. Wir standen gerade beim Brock'schen Palais am Stadtkanal und zuerst dachte ich, er hätte eine Frage. Aber er sagte, er sei ein Zeitzeuge, er wäre auf uns aufmerksam geworden und wolle nur etwas anfügen:

Als Baby hätte er den Bombenangriff auf Potsdam am 14. April 1945 im Keller des Brock'schen Hauses überlebt. 1961 dann, zwei Tage vor Mauerbau, sei er aus der DDR nach Westdeutschland geflohen. Nach der Wende hat er zusammen mit seinem Bruder einen Geländerpfosten für den Wiederaufbau des Stadtkanals gestiftet.

Die Schüler sind fasziniert. Eben noch war das Thema Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau sehr weit entfernt, und plötzlich steht es als Mensch direkt vor ihnen und spricht bescheiden und in langsamen Deutsch, damit sie verstehen können, von seinem persönlichen Schicksal.

Ein Glücksfall. Der Mann sagt, immer wenn er wieder nach Potsdam zu Besuch kommt, dann streichelt er seinen Geländerpfosten ein bißchen, und lächelt etwas beschämt dazu. Und natürlich müssen anschließend wir alle den Pfosten suchen und berühren. Nummer 193.

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27. Januar 2007

Ein Tag Winter

Statue Nike '89 von Wieland Förster an der Glienicker Brücke

Heute mit meinem Gästen von der Glienicker Brücke zum Schloß Cecilienhof spaziert - das war ihre Wunschroute, das großartige Winterwetter gab's kostenlos obendrauf. Es lag zwar nicht viel Schnee, aber doch genug, um die Landschaft weiß einzupacken... Bei strahlendem Sonnenschein war es sehr kalt, besonders am Wasser, denn der Jungfernsee bietet dem Wind immer eine gute Spielfläche. Ohne Taschentuch und Sonnenbrille ging heute also gar nichts.

Und weil der Tag so schön war, bin ich danach noch über den Pfingstberg, durch das Mirbachwäldchen in den Neuen Garten zur Orangerie, die eigentlich immer abseits der Trampelpfade liegt, durch das Holländische Etablissement hinunter zum Heiligen See und um den See herum nach Hause. Die große Runde also, aber wer weiß, ob es in diesem Winter noch einmal einen Wintertag geben wird?

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18. Dezember 2006

Cristmas-e-shoma mobarak bashad

"Euer Weihnachten ist ziemlich schön", befand Tabassom nach einem Stadtbummel mit Stadtführerin Susanne K. Fienhold Sheen am Samstag Vormittag begeistert: "Die Stadt leuchtet!" Dabei hatte Sheen die Iranerin auch in die stressigen Seiten des Fests ? Stichwort Weihnachtsbaumkauf ? eingeweiht. "Kann man die Bäume bis zum nächsten Jahr aufheben?", erkundigte sich Parnia.

Den ganzen Artikel der PNN über meine Führung für drei Schülerinnen aus dem Iran finden Sie hier.

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15. Dezember 2006

Schöner Wunsch

Und weiterhin gute Wege! - das sagte eine Kundin zum Abschied zu mir, nachdem wir nicht nur anderthalb Stunden über die Schiffbauergasse gelaufen waren, sondern anschließend auch noch im warmen Bauch der John Barnett fast eine Stunde lang über die neuere Entwicklung Potsdam diskutiert hatten. Was für ein schöner Wunsch...

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22. Oktober 2006

178 Kilometer in den Westen

Gestern mit einer Gruppe an der Glienicker Brücke: Ein Mann sagt, er sei sei über fünfzig Jahren nicht mehr hier gewesen und erzählt seine Geschichte.

Er sei damals immer am Sonnabend von Staßfurt nach Berlin-Schöneberg zu seiner Tante gefahren: einkaufen, ins Kino gehen, über den Kudamm bummeln. Dann sonntags wieder zurück, immer früh aufgebrochen, um pünktlich um vier Uhr nachmittags wieder in Staßfurt zu sein: Um die neuen Klamotten beim Tanztee vorzuführen. Und das alles mit dem Fahrrad und immer die B1 entlang und eben auch immer über die Glienicker Brücke.

Mit dem Fahrrad? Von Staßfurt nach Berlin, frage ich. Ja, sagt er, wissen Sie denn, wo Staßfurt ist? Ja, sag ich. Woher wissen Sie denn das, sagt er und ist erstaunt. Ach, das ist eine lange Geschichte, sag ich, hat mit einem Hund zu tun, egal - Na, sagt er, das sind jedenfalls 178 Kilometer pro Strecke. Gangschaltung hatte ich mir selbst an mein Fahrrad gebaut. Und später bin ich hier dann auch endgültig raus aus der DDR, über die Glienicker Brücke.

Er und sein Freund sollten nämlich zur Offiziersschule gehen, das wollten sie nicht, da hat man ihnen gesagt: Dann werdet ihr nur noch den Hof fegen! Das wollten sie nicht, also wollten sie raus. Kannten aber keinen im Westen, nur die Tante in Westberlin. Also Rucksäcke gepackt, allen erzählt, daß sie in den Urlaub an die Müritz fahren und auf halber Strecke bei der Tante übernachten. Brauchten zwei Tage bis Potsdam - der Freund war ja nicht trainiert! Kurz vor der Glienicker Brücke in Potsdam, schon in Sichtweite des Grenzpolizisten, guckt der Mann sich um: Sein Freund ist weg. Wenn ich jetzt umkehre und nach ihm suche, mache ich mich verdächtig, denkt er in Panik, der Polizist hatte ihn schon bemerkt. Also weiterfahren und offensiv sein, denkt er, fährt direkt auf den Polizisten zu und sagt ihm, er hätte seinen Freund verloren, sie wären auf dem Weg an die Müritz, unterwegs bei der Tante in Schöneberg übernachten, blablabla, sein Freund hätte ein rotes Fahrrad. Ob der Polizist, wenn er ihn sähe, ihm nicht sagen könne, er wäre schon mal vorgefahren zur Tante, man träfe sich dort?

Dann fuhr er über die Brücke, versteckte sich auf Westberliner Seite im Gebüsch und hoffte darauf, daß sein Freund auftauchen würde, was circa eine Stunde später auch geschah. Aschfahl im Gesicht und zitternd berichtete der dann, was sich zugetragen hatte:

Kurz vor der Brücke wäre ihm die Kette abgesprungen, er hätte seinen Freund gerufen, der hätte aber nicht gehört und sei weitergefahren. Nachdem er die Kette wieder aufgezogen hatte, sah er links von sich rot-weiße Schlagbäume, dachte, dies wäre der Weg zur kontrollierten Brücke, und fuhr direkt den Russen in die Hände, die hier in der Berliner Vorstadt viele Villen in Beschlag genommen hatten.

Nachdem er denen mühevoll erklärt hatte, daß er sich geirrt hätte, vom Weg abgekommen sein, an die Müritz wolle, blablabla, ließen sie ihn laufen bzw. fahren und zeigten ihm den richtigen Weg zur Brücke. Von dort kam ihm der Grenzpolizist entgegengerannt und rief ihn zu sich und er dachte, jetzt ist alles aus, man nimmt ihn fest, man hat bestimmt auch schon seinen Freund erwischt. Aber der Polizist sagte, er sei doch der Mann mit dem roten Fahrrad, er solle ihm von seinem Freund ausrichten, dieser wäre schon zur Tante nach Schöneberg vorausgefahren, man würde sich dort treffen...

Und wann genau war das, frage ich. Vor einundfünfzig Jahren, sagt er, 1955. Und seitdem war ich nicht mehr hier, auf dieser Seite der Brücke.
die Glienicker Brücke von der Potsdamer Seite

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19. August 2006

Kommen und Wiederkommen

Heute mit Gästen im Park Sanssouci, die schon einmal mit mir in Potsdam unterwegs waren, damals in der Innenstadt: Wiederkommer nennt man - etwas uncharmant klingend - diese Menschen, deren Interesse beim ersten Mal so entflammt, daß sie mehr und wieder etwas wissen wollen.

Für mich ist dabei immer besonders spannend, wieviel sie noch in Erinnerung haben vom letzten Mal und vor allem, wie sie sich erinnern. Da wird die Nikolaikirche am Alten Markt zum "Dom", weil ich erwähnt hatte, daß der Petersdom im Rom architektonisches Vorbild war. Der Sitz des Einstein-Forums am Neuen Markt wird zum "Einsteinhaus", obwohl das Haus, daß man Einsteinhaus nennt und Einsteins Sommerhaus war, in Caputh liegt. Und der Soldatenkönig hat wohl auch bleibenden Eindruck hinterlassen...

Der Gang durch den Park war heute vormittag optisch etwas beeinträchtigt durch die Vorbereitungen zur Potsdamer Schlössernacht: Überall Kabel und Scheinwerfer, und an den Ständen rüstet man sich schon mit Bratwurst, Bier und vielem anderen für den Andrang von 32.000 Gästen heute abend. Darunter auch meine Gäste, die es irgendwie geschafft haben, Eintrittskarten dafür zu ergattern.

Und nächstes Mal, was machen wir da?, fragt einer am Ende für alle Beteiligten. Ach, da fällt mir noch einiges ein, zum Beispiel diese Route. Bis zum nächsten Sommer also!

Oh ja, ich liebe Wiederkommer!

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1. August 2006

Hello Susanne,

I arrived back in the USA tonight (1 Aug), and wanted to make sure I thanked you once again for your kindness to me and Karl on such a hot, humid day in Potsdam. Of all the things I did on this trip to Europe, yours was the most fascinating and enriching piece. I can't really thank you enough. It is obvious you love what you do; and you do it well. I feel fortunate to have met you, and will never forget the time and depth you provided. I appreciate it so very much. Your city is beautiful.

For those who want to be adventurous in learning the train systems there, I will recommend your private tour. Everyone should learn more about Potsdam, and see for themselves just how the 'old' blends with the 'new and modern', which is necessary.

Thank you again. You have enriched my life forever.

Best regards,
Annie
Washington, DC, USA
(toured Potsdam 23 Jul 06)

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13. Juni 2006

Die Tore und das Lernen

Ich solle verzeihen, aber sie hätte eine ungewöhnliche Frage. Und auch entschuldigen, daß sie einfach so anruft.

Jetzt bin ich neugierig, und das sag ich ihr auch.

Ja, also ihr Sohn müsse für seine Hausaufgaben herausfinden, warum die Potsdamer Stadttore so heißen, wie sie heißen. Und beim Brandenburger Tor hätte sie es schon herausgefunden - es würde in Richtung der Stadt Brandenburg führen. Aber das Nauener Tor? Und das Jägertor?

Ich finde das ja schön, wenn Eltern die Hausaufgaben für ihre Kinder machen, das bildet die Eltern ungemein, aber deswegen muß es ja nicht gar so einfach sein. Also, wenn das Brandenburger Tor nach einer Stadt heißt, in deren Richtung es führt, dann heißt das Nauener Tor -

nach der Stadt Nauen! Sie klingt erleichtert und ein bißchen stolz. Ja, richtig, gut gemacht, sag ich - der Mensch lernt nur über Lob. Und nun das Jägertor.

Ja, dazu hätte sie irgendwo gefunden, daß es zur Zeit eines Fürsten in dessen Fasanerie führte.

Nicht schlecht für den Anfang, aber das reicht natürlich nicht. Also erstens: Es war der Kurfürst, sogar der Große Kurfürst. Ach ja, moment. Ich denke, sie schreibt mit. Und vom Jägertor führte eine Allee in sein bevorzugtes Jagdgebiet. Ach so! Ich kann hören, daß da noch etwas unklar ist: Wissen sie, was eine Fasanerie ist?

Es hat mit Fasanen zu tun, sagt sie. Sehen sie, sag ich, sie wissen ja schon alles, und dann erst erkläre ich ihr, was eine Fasanerie ist, und weshalb es so praktisch war, so etwas gleich in Nachbarschaft zum Jagdgebiet zu haben. Auch Große Kurfürsten brauchen manchmal schnelle Erfolge...

So viel Erleichterung war selten, und so viel Dankbarkeit. Und nochmals Entschuldigungen. Wissen sie, sag ich, es ist nicht so seltsam, wie sie vielleicht glauben, ich bekomme öfter solche Fragen, auch wenn ich nicht gerade Leute durch die Stadt führe.

Und ehrlich gesagt ist es mir egal, wer nun letzten Endes klüger wird - Mutter oder Sohn. Aber das sage ich ihr nicht. Ich bin Stadtführerin und nicht erziehungsberechtigt...

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7. Mai 2006

"Müssen Sie eigentlich dafür bezahlen?"

Wie bitte? Müssen Sie eigentlich bezahlen dafür, in Potsdam wohnen zu dürfen, fragte mich kürzlich ein Gast, als wir am Sonnabend auf unserer Route durch die Innenstadt über den Markt am Nauener Tor bummelten. Also ehrlich, ich weiß auch nicht, woran es lag, ich meine: Wie man auf diese Frage kommt... Die Stadt ist schon schön, sehr schön, sehr sehr und besonders schön, das ist ja klar. Aber vielleicht war es ja doch diese schöne Akkordeonspielerin. Ähem -
Markt am Nauener Tor

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4. März 2006

Guckkasten und Aniskuchen - Neues zur Villa Tummeley

Mein geliebter Sohn!

Deine Tanten und ich wir machen uns das Vergnügen hierbei folgendes in drei Kisten zu übersenden. - 1 Baumkuchen für Dich und deine liebe Auguste, wobei drei weiße Honigkuchen und mehreres Naschwerk für deine lieben Jungens, welche obenauf liegen und vorsichtig auszupacken sind.

1 Guckkasten für Franz und Gebrüder, 2 Mord-Zicken und 1 Pferdestall für Fritz, 1 kleines Pferdchen und 1 Caroussell für August und ein Jagd für Franz. Letztere und die kleinen Näschereien von den Tanten. Das Übrige vom gnädigen Papa. Es wird uns freuen Euch alle damit in etwas zu vergnügen, könnten wir doch zugegen seyn! Hierbei folgt 1 Thlr in Kassen Anweisung für das zu erwartende Uhrband. Ich erhalte doch solches kommenden Montag?

Noch habe ich zu bemerken, daß dem Fritz das in Zucker geformte Eichkätzchen von der Tante Fischbein versprochen, zugedacht ist, das übrige bis auf Augustens Leibspeise, die Aniskuchen vertheile nach Belieben. Und so wünsche ich Euch Ihr Lieben ein frohes Fest, bitte um baldige, gute Nachricht von Euch grüße mit den Tanten Euch und alle werthen Freunde bestens.

Der kleine Eduard kann doch von alledem nichts genießen, ist denn der liebe Junge nun recht gesund?
Indem wir Euch insgesammt herzlich umarmen, bin ich mit besonderer Liebe
Dein
treuer Vater
Franz Tummeley

Magdeburg, den 17. Dezember 1985
NS. Sollte das Uhrarmband mehr betragen, so bitte ich mir solches anzuzeigen.
Adieu! Adieu!
d.O.


Dieser Brief von Franz Tummeley (geb. 23.11.1774, gest. 27.12.1837, verheiratet mit Dorothea Deichmann, 1777 bis 13.12.1802) ging an seinen Sohn Eduard Tummeley, der 13 Jahre später die Villa Tummeley an der Berliner Straße erbauen ließ. Die Villa ist vielen Potsdamern noch als Sitz der Energieversorgung zu DDR-Zeiten bekannt, heute im Besitz von e.dis und gehört zum Sanierungsgebiet Schiffbauergasse. Und hier noch ein Dokument aus dem Familienbesitz:

Eduard Tummeley, 1802 - 1858, geb. in Magdeburg, gest. in Potsdam, verheiratet mit Auguste Bechte, hatte von seinem Onkel Eisenhart in Potsdam ein Gartengrundstück in der Königstraße 14 geerbt. Er ließ ca. 1850 dort von Baumeister Gottgetreu ein Wohnhaus aufführen. Der große Garten hatte Platz für eine Voliere, ein Treibhaus, Damhirsche und anderes Getier. Nach seinem Tode hat sein Sohn Eduard, der Landschaftsmaler, mit seiner Frau Marie, geb. Wendorff, das Haus bewohnt. Ihre Kinder Bruno, Marie, Eduard und Anna Tummeley haben dort Kinder- und Jugendjahre verlebt, bis ihre Eltern nach Pyritz zogen.

Es ist erstaunlich, wieviel man schon aus zwei kurzen Dokumenten herauslesen kann, noch dazu, wenn ein Mitglied der Familie am Tisch sitzt: Annemarie Rewoldt. Sie hatte bei mir eine Führung über das Areal Schiffbauergasse gebucht und sich, wie sie sagte, entschieden, "doch nicht incognito aufzutreten", wofür ich ihr sehr dankbar bin. Das einzige, was ich bisher zur Villa Tummeley wußte, hatte ich aus dem Buch "Die Berliner Vorstadt" (Nicolai 1995).

Auffällig ist, daß die Familie Tummeley eine Vorliebe dafür hatte, ihre Söhne Eduard zu nennen. Der "geliebte Sohn" Eduard, dem sein Vater Franz Weihnachtsgeschenke schickt, war der Erbauer - 1848 war die Villa fertiggestellt. Von Eduards Sohn Eduard, dem Landschaftsmaler, befindet sich heute noch eine colorierte Zeichnung der Villa in Familienbesitz. Und dessen Sohn Eduard war der Großvater meines Gastes Annemarie Rewoldt, Tochter von Gertrud Rewoldt, einer geborenen Tummeley. Alles klar? Interessant ist auch, daß das Sterbejahr von Dorothea Deichmann, der Ehefrau des Briefeschreibers, das selbe ist wie das Geburtsjahr von Eduard, dem Hauserbauer, nämlich 1802 - wahrscheinlich ist sie also bei seiner Geburt verstorben.

Frau Rewoldt brachte mir auch die Kopie einer Fotografie der Villa mit, und zwar vor dem Umbau Ende des 19. Jahrhunderts. 1885 hatte der neue Besitzer Baron von Eckardstein das Haus umbauen lassen, die ursprünglichen Zinnen auf dem Dach wurden überbaut, ebenso wie der Staffelgiebel zur Straße im Stil der Neorenaissance überformt wurde. Das Foto zeigt die Villa von der Wasserseite aus, das Erdgeschoß ist zum Teil mit Kletterpflanzen überwachsen und man erkennt einen Sitzplatz. Der ursprüngliche Garten war von Gustav Adolph Fintelmann angelegt worden, der damals Hofgärtner auf der Pfaueninsel war. Gärtner und Bauherr wurden Verwandte, als Fintelmanns Tochter Elisabeth Tummeleys Sohn Franz heiratete. Dieser Mann muß das Kind Franz gewesen sein, das 1835 von seinem Großvater einen Guckkasten zu Weihnachten bekam und "ein Jagd"...

Der erwähnte Onkel Eisenhart, vom dem Tummeley das "Gartengrundstück in der Königstraße 14" (heute Berliner Straße) erbte, ist der große Wohltäter Potsdams, der Kaufmann August Friedrich Eisenhart, für den es auch ein Denkmal in der Stadt gibt.

Für die Dokumente und Informationen möchte ich auch an dieser Stelle Frau Rewoldt sehr herzlich danken; mit ihrer Erlaubnis durfte ich dies alles und auch ihren Namen hier veröffentlichen. Es ist nichts weniger als ein Beitrag zur Potsdamer Stadtgeschichte.

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20. Oktober 2005

Die Potsdamerin und die Eingeschmeckte

Das ist doch auch nur 'ne Eingeschmeckte. Sagt die alte Dame verächtlich. Über die andere alte Dame. Was für ein Wort, hab ich noch nie gehört, was bedeutet das, frage ich sie, aber eigentlich weiß ich, was es bedeutet.

Sie ist keine Geborene, junge Frau! Sie ist keine geborene Potsdamerin! Ich wußte es doch. Ist ja nicht schlimm, ich meine, das muß ja nicht, aber dann sollen sie nicht immer so naseweis sein und mir erzählen, wie's früher hier war. Aber so sind sie, die Eingeschmeckten...

Sie meint nicht mich, das ist klar, aber jetzt bin ich mal mutig und sag ihr: Ich bin auch nicht hier geboren. Ach, sagt sie, guckt mich an und macht eine mild-wegwerfende Handbewegung, bei ihnen ist das was anderes, sie beschäftigen sich ja anständig mit der Stadtgeschichte. Und sie lassen sich auch mal was sagen. Ich mein', woher sollen sie auch wissen, daß wir als Kinder hier Kreisel gespielt haben, hinter der Kaserne. Sowas steht ja nicht in Büchern!

Sie reckt sich ein bißchen in die Höhe an ihrer Gehhilfe, guckt mich neugierig an, und ich versuche, sie mir vorzustellen, als Kind, Tochter eines Gardehusaren, mit dem Kreisel über das Pflaster hüpfend, hier, wo heute im Sommer auch schon mal Heavy-Metal-Open-Air-Konzerte mit zweitausend Leuten veranstaltet werden. Sie guckt mich immer noch herausfordernd an, also frag ich sie, ob ich sie fragen darf, wie alt sie ist.

Achtundachtzig! Das kommt ohne Zögern, sie ist so stolz. Dann tätschelt sie meine Hand: Machen sie sich mal keine Sorgen, so Eingeschmeckte wie sie gelten als Geborene, spätestens, wenn sie so alt sind wie ich!

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