Der Winter. Oder: Wie man Wissenschaftler zum Schlottern bringt

Ich möchte bitte, daß der Winter jetzt aufhört. Sofort. Ich fürchte nämlich, daß ich mittlerweile als Stadtführerin gelte, die ihre Gäste foltert. Dabei kann ich nichts für das Wetter. Und ich kann auch nichts dafür, daß – ja, Sie ahnen schon, was jetzt wieder kommt – die Leute sich nicht ordentlich anziehen. Internationale Wissenschaftler sind leider besonders anfällig für diese Zivilisationskrankheit: Nicht mehr zu wissen, was adäquate Kleidung bedeutet.

Und ich sage heute noch, gleich am Anfang, als ich sie im Hotel abhole: Sind Sie warm genug angezogen? Wollen Sie sich nicht noch einen Pullover mehr holen? Oder eine Mütze? Sie da, haben Sie denn keinen Schal? Och. Nein, das geht schon. Nein nein, nicht so schlimm. Mütze – nein, ich brauche keine Mütze.

Ich weiß schon, wie das dann geht. Ich frage noch genau einmal nach, fühle mich plötzlich wie die Mutter des ungefähr sechzigjährigen japanischen Geologen, der direkt vor mir steht, und beschließe an diesem Punkt abrupt, meinen Gästen ihren Willen zu lassen. Das sind erwachsene Leute, sie wissen, was sie tun, das sind kluge Leute, das sind Wissenschaftler…

Eine halbe Stunde später geht das große Frieren los. Ich kann es in ihren Augen sehen, obwohl sie das Zittern noch unterdrücken. Außerdem lauschen sie tatsächlich aufmerksam – über mangelnde Disziplin und Willen kann man sich bei Wissenschaftlern wirklich nicht beklagen. Nach anderthalb Stunden hat der Winter gesiegt und meine Gäste schlottern. Sie gucken mich immer noch aufmerksam an, aber ich habe den deutlichen Eindruck, daß es ihnen an diesem Punkt mehr um meine warme Kaninchenfellmütze mit den Ohrenklappen geht. Oder um meinen langen Mantel. Die dicken Handschuhe. Den Schal, in den ich mich heute fast eingenäht habe…

Der Wirt des Restaurants, in das ich sie jetzt im Galopp begleite, muß doch denken, ich bin die Stadtführerin, die ihre Gäste foltert! Ich will Frühling!

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